Leitfaden erstellen qualitatives Interview: Anleitung
Wer einen Leitfaden für ein qualitatives Interview erstellen möchte, sammelt Themen, formuliert offene Fragen und bringt sie in eine sinnvolle Reihenfolge.
Katrin Lindemann Lesezeit: 4 Min.
Einen Leitfaden für ein qualitatives Interview zu erstellen bedeutet, die Forschungsfrage in konkrete, offen formulierte Fragen zu übersetzen und diese so anzuordnen, dass ein natürliches Gespräch entstehen kann. Der Leitfaden ist dabei kein starres Skript, sondern eine Gedächtnisstütze, die Struktur gibt, ohne den Gesprächsfluss zu unterbrechen. Wie ein Leitfaden grundsätzlich aufgebaut ist, behandelt der Überblicksartikel zum Interviewleitfaden ausführlicher – hier geht es konkret um die einzelnen Schritte der Erstellung.
Welche Bausteine ein Leitfaden braucht
Bevor die erste Frage geschrieben wird, sollte klar sein, aus welchen Bausteinen der fertige Leitfaden bestehen soll. Üblich sind eine kurze Einstiegsphase, mehrere thematische Frageblöcke und ein Abschluss.
- Einstieg: Begrüßung, Erklärung des Gesprächsziels, Hinweise zu Aufnahme und Datenschutz.
- Kernfragen: offene Fragen zu den zentralen Themenbereichen der Untersuchung.
- Vertiefungs- und Nachfragen: vorbereitete Anschlussfragen für den Fall, dass Antworten zu knapp ausfallen.
- Abschluss: Raum für Ergänzungen der interviewten Person und Dank für die Teilnahme.
Diese Grundstruktur gilt unabhängig davon, ob später ein biografisches Gespräch, eine Fokusgruppe oder ein Experteninterview geführt wird – die Gewichtung der Bausteine verschiebt sich lediglich je nach Interviewform.
Schritt für Schritt: Leitfaden für ein Interview erstellen
Ein Leitfaden für ein Interview entsteht selten in einem einzigen Durchgang. Sinnvoll ist ein Vorgehen in mehreren aufeinander aufbauenden Schritten:
- Forschungsfrage klären: Was genau soll das Interview beantworten? Ohne diese Klarheit geraten Leitfäden schnell zu lang und unfokussiert.
- Themenbereiche sammeln: Alle Aspekte notieren, die zur Forschungsfrage gehören könnten – zunächst ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Reihenfolge.
- Themen zu Blöcken bündeln: Verwandte Aspekte werden gruppiert, sodass sich drei bis sechs thematische Abschnitte ergeben.
- Fragen formulieren: Zu jedem Themenblock werden ein bis drei offene Hauptfragen sowie mögliche Nachfragen entwickelt.
- Reihenfolge festlegen: Vom Allgemeinen zum Spezifischen, von einfachen zu sensiblen Themen – der Aufbau sollte einen roten Faden ergeben.
- Leitfaden formatieren: Übersichtliche Gestaltung mit genügend Platz für Notizen während des Gesprächs.
Wer diese Reihenfolge einhält, vermeidet den häufigsten Fehler bei der Erstellung: zu früh mit dem Formulieren einzelner Fragen zu beginnen, bevor die inhaltliche Struktur steht.
Fragen offen und konkret formulieren
Die Qualität eines Leitfadens entscheidet sich weniger an seinem Umfang als an der Formulierung der einzelnen Fragen. Geschlossene Fragen, die nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können, liefern in qualitativen Interviews kaum verwertbares Material.
Bewährt haben sich folgende Formulierungsprinzipien:
- Fragen mit „Wie“, „Was“ oder „Erzählen Sie mir von…“ beginnen statt mit „Haben Sie“ oder „Ist es so, dass…“.
- Suggestive Formulierungen vermeiden, die eine bestimmte Antwort nahelegen.
- Eine Frage, ein Gedanke – Mehrfachfragen in einem Satz verwirren und führen zu unvollständigen Antworten.
- Fachbegriffe nur verwenden, wenn die interviewte Person sie ebenfalls nutzt.
Zu jeder Hauptfrage lohnt sich außerdem eine kurze Liste möglicher Nachfragen, etwa „Können Sie das an einem Beispiel erläutern?“ oder „Was hat das für Sie konkret bedeutet?“. So bleibt der Leitfaden flexibel, ohne dass wichtige Aspekte im Gespräch untergehen.
Leitfaden für ein Experteninterview erstellen: Was ist anders?
Wer einen Leitfaden für ein Experteninterview erstellen möchte, muss einige Besonderheiten berücksichtigen, die sich aus der Rolle der befragten Person ergeben. Expertinnen und Experten werden in der Regel nicht zu persönlichen Erfahrungen befragt, sondern zu ihrem Fach- oder Erfahrungswissen aus einer bestimmten Funktion.
- Vorwissen einarbeiten: Der Leitfaden sollte auf einer gründlichen Recherche zur Person, ihrer Funktion und ihrem Fachgebiet basieren, damit keine Zeit mit Grundlagenfragen verloren geht.
- Fachlicher Fokus: Fragen zielen auf Einschätzungen, Zusammenhänge und Erfahrungswissen ab, weniger auf private Empfindungen.
- Flexibilität einplanen: Da Expertinnen und Experten oft eigene Schwerpunkte setzen, sollte der Leitfaden Abweichungen von der geplanten Reihenfolge zulassen.
- Zeitrahmen berücksichtigen: Experteninterviews sind häufig kürzer terminiert, daher sollte der Leitfaden auf die wichtigsten drei bis fünf Themenblöcke konzentriert bleiben.
Ein guter Test: Lässt sich jede Frage im Leitfaden nur von dieser einen Person in dieser Funktion sinnvoll beantworten? Wenn nicht, war die Frage vermutlich zu allgemein formuliert.
Leitfaden testen und vor dem Einsatz anpassen
Ein fertig geschriebener Leitfaden sollte vor dem eigentlichen Interview in einem Probelauf getestet werden, etwa mit einer Kollegin, einem Kollegen oder einer Person aus dem persönlichen Umfeld. Dabei zeigt sich häufig, welche Fragen missverständlich formuliert sind oder zu ähnliche Antworten hervorrufen.
Beim Testlauf lohnt es sich, auf folgende Punkte zu achten:
- Wirken die Fragen im gesprochenen Gespräch natürlich oder eher wie ein Fragebogen?
- Wie lange dauert das gesamte Gespräch, und passt das zum geplanten Zeitrahmen?
- Gibt es Themenblöcke, die sich inhaltlich überschneiden und gestrichen werden können?
- Fehlen Nachfragen an Stellen, an denen die Antworten im Test zu kurz ausfielen?
Nach dem Test wird der Leitfaden entsprechend überarbeitet. Auch während einer laufenden Interviewreihe darf der Leitfaden leicht angepasst werden, wenn sich zeigt, dass bestimmte Fragen bei mehreren Personen wenig ergeben oder ein Aspekt bislang fehlte.
Fazit
Ein qualitativer Interviewleitfaden entsteht Schritt für Schritt: von der Forschungsfrage über gesammelte Themen und offen formulierte Fragen bis zur getesteten und angepassten Endfassung. Wer diese Reihenfolge einhält, offene statt geschlossene Fragen nutzt und dem Gespräch genug Flexibilität lässt, erhält einen Leitfaden, der Struktur gibt, ohne das Gespräch einzuengen. Bei Experteninterviews kommt lediglich eine gründliche fachliche Vorbereitung hinzu – das grundlegende Vorgehen bleibt dasselbe.