Leitfaden erstellen Interview: Grundlagen & Tipps
Wer einen Leitfaden fürs Interview erstellen will, erfährt hier, wie man Ziele, Fragen und Ablauf strukturiert – inklusive Tipps für Experteninterviews.
Markus Schreiber Lesezeit: 9 Min.
Ein Interviewleitfaden ist ein schriftlich festgehaltener Plan, der die zentralen Themen, Fragen und den groben Ablauf eines Gesprächs festlegt, bevor es beginnt. Wer einen Leitfaden für ein Interview erstellen möchte, sorgt damit dafür, dass kein wichtiger Aspekt vergessen wird und das Gespräch trotz spontaner Wendungen einem roten Faden folgt. Ob Journalismus, wissenschaftliche Forschung oder Personalgespräch: Ein durchdachter Leitfaden ist das Werkzeug, das aus einem losen Austausch ein zielgerichtetes Interview macht.
Was genau ist ein Interviewleitfaden?
Ein Interviewleitfaden ist keine starre Wort-für-Wort-Anleitung, sondern eine strukturierte Sammlung von Themenblöcken und Fragen, die als Orientierung dient. Er unterscheidet sich damit deutlich von einem vollständigen Skript, bei dem jede Formulierung feststeht. Der Leitfaden gibt vor, was im Gespräch behandelt werden soll, lässt aber offen, in welcher genauen Reihenfolge und mit welchen Worten dies geschieht.
In der Praxis unterscheidet man meist zwischen drei Leitfadentypen:
- Journalistischer Leitfaden: fokussiert auf pointierte Fragen für ein Print-, Online- oder Rundfunkinterview.
- Wissenschaftlicher Leitfaden: dient der systematischen Datenerhebung in qualitativen Studien, etwa Bachelor- oder Masterarbeiten.
- Leitfaden für Experteninterviews: konzentriert sich auf Fachwissen und Erfahrungswerte einer bestimmten Zielperson.
Allen drei Varianten liegt derselbe Grundgedanke zugrunde: Struktur schaffen, ohne die Offenheit des Gesprächs zu verlieren.
Warum ein Leitfaden für ein gutes Interview so wichtig ist
Ohne Vorbereitung verläuft ein Gespräch oft sprunghaft, wichtige Themen werden vergessen oder es entstehen unangenehme Pausen. Ein Leitfaden interview zu erstellen bedeutet daher, sich selbst Sicherheit zu geben – gerade bei nervösen Erstgesprächen oder komplexen Fachthemen ist das ein echter Vorteil.
Ein guter Leitfaden bringt mehrere konkrete Vorteile mit sich:
- Er stellt sicher, dass alle relevanten Themen angesprochen werden.
- Er erleichtert den Vergleich mehrerer Interviews, etwa bei einer Studie mit verschiedenen Befragten.
- Er gibt dem Gesprächspartner Orientierung und signalisiert Professionalität.
- Er hilft, unter Zeitdruck die wichtigsten Punkte nicht zu verpassen.
Gerade bei qualitativen Forschungsprojekten ist die Nachvollziehbarkeit entscheidend: Ein dokumentierter Leitfaden macht transparent, wie die Daten erhoben wurden, was für die spätere Auswertung und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit wichtig ist.
Vorbereitung: Ziel, Zielgruppe und Rahmenbedingungen klären
Bevor die erste Frage formuliert wird, sollte klar sein, welches Erkenntnisinteresse hinter dem Gespräch steht. Wer wahllos Fragen sammelt, läuft Gefahr, am Ende ein unübersichtliches Sammelsurium statt eines fokussierten Leitfadens zu haben.
Folgende Fragen helfen bei der Vorklärung:
- Welches konkrete Ziel soll das Interview erfüllen – ein Artikel, eine Studie, eine Personalentscheidung?
- Wer ist der Gesprächspartner, und über welches Vorwissen oder welche Perspektive verfügt er?
- Wie viel Zeit steht zur Verfügung, und wie viele Themenblöcke sind realistisch?
- Findet das Gespräch persönlich, telefonisch oder per Video statt?
Auch die Zielgruppe der späteren Veröffentlichung spielt eine Rolle: Ein Leitfaden für ein Fachmagazin verlangt andere Schwerpunkte als einer für ein breites Publikumsmedium. Wer diese Rahmenbedingungen zu Beginn klärt, kann den Leitfaden gezielter aufbauen und spart sich spätere Umwege.
Interviewleitfaden erstellen: Aufbau Schritt für Schritt
Der eigentliche Aufbau folgt meist einem bewährten Muster, das sich sowohl für journalistische als auch für wissenschaftliche Zwecke eignet.
- Einstieg: eine offene, leicht zu beantwortende Frage, die Vertrauen schafft und ins Thema einführt.
- Themenblöcke: die zentralen Fragestellungen, gruppiert nach inhaltlichen Schwerpunkten.
- Vertiefungsfragen: Nachfragen, die bei Bedarf zum Einsatz kommen, um Antworten weiter auszuleuchten.
- Abschluss: eine zusammenfassende oder ausblickende Frage, die dem Gespräch einen runden Schluss gibt.
Innerhalb der Themenblöcke empfiehlt es sich, von allgemeinen zu spezifischen Fragen fortzuschreiten. So bleibt das Gespräch nachvollziehbar und der Gesprächspartner wird nicht gleich zu Beginn mit komplexen Detailfragen überfordert.
Ein einfaches Grundgerüst kann so aussehen:
| Abschnitt | Funktion | Beispiel |
|---|---|---|
| Einstieg | Vertrauen aufbauen | „Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?“ |
| Themenblock 1 | Kernfrage bearbeiten | „Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell?“ |
| Themenblock 2 | Vertiefung | „Können Sie das an einem Beispiel erläutern?“ |
| Abschluss | Ausblick geben | „Was wünschen Sie sich für die Zukunft?“ |
Wichtig ist, den Leitfaden nicht zu überladen: Fünf bis zehn Kernfragen je Themenblock reichen in der Regel aus, um genügend Substanz für ein aussagekräftiges Gespräch zu liefern.
Leitfaden für ein qualitatives Interview erstellen
Wer einen Leitfaden für ein qualitatives Interview erstellen möchte, etwa im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit, muss zusätzliche methodische Anforderungen beachten. Qualitative Forschung zielt darauf ab, subjektive Sichtweisen, Erfahrungen und Deutungsmuster zu erfassen – nicht auf standardisierte, vergleichbare Zahlenwerte wie bei einer quantitativen Befragung.
Typische Merkmale eines solchen Leitfadens sind:
- Offene Fragen statt Ja/Nein-Fragen, damit Befragte in eigenen Worten antworten können.
- Erzählanreize, die dazu einladen, konkrete Situationen oder Erlebnisse zu beschreiben.
- Flexibilität in der Reihenfolge, damit spontane Themen der Befragten aufgegriffen werden können.
- Neutrale Formulierungen, die keine Antwort vorwegnehmen oder suggerieren.
Häufig wird ein solcher Leitfaden nach der sogenannten SPSS- oder Trichter-Logik aufgebaut: von sehr offenen Einstiegsfragen über thematisch enger werdende Fragen bis zu gezielten Nachfragen. Für die spätere Auswertung, etwa mittels qualitativer Inhaltsanalyse, ist es zudem hilfreich, den Leitfaden eng an den Forschungsfragen der Arbeit auszurichten, damit die erhobenen Aussagen tatsächlich zur Beantwortung beitragen.
Da methodische Anforderungen je nach Studienfach und Betreuung variieren, lohnt sich bei wissenschaftlichen Arbeiten immer ein Blick in die jeweiligen Vorgaben der Hochschule oder ein Austausch mit der betreuenden Fachperson.
Leitfaden für ein Experteninterview erstellen
Beim Experteninterview steht eine Person im Mittelpunkt, die über besonderes Fach- oder Erfahrungswissen zu einem Thema verfügt – etwa eine Ärztin, ein Handwerksmeister oder eine Wissenschaftlerin. Wer hier einen Leitfaden für ein Experteninterview erstellen will, sollte sich vorher intensiv in das Fachgebiet einlesen, um auf Augenhöhe fragen zu können.
Folgende Punkte sind bei Experteninterviews besonders wichtig:
- Fragen sollten konkretes Fachwissen abrufen, ohne die Person mit zu allgemeinen Fragen zu unterfordern.
- Fachbegriffe im Leitfaden sollten korrekt verwendet werden, auch wenn sie später für ein Laienpublikum übersetzt werden.
- Kontroverse oder heikle Themen lassen sich am besten mit konkreten Beispielen statt abstrakten Behauptungen ansprechen.
- Eine kurze Einordnung der eigenen Fragestellung zu Beginn hilft der Fachperson, den Kontext richtig einzuschätzen.
Im Unterschied zum qualitativen Forschungsinterview steht beim Experteninterview meist nicht die subjektive Erfahrung, sondern das objektivierbare Fachwissen im Vordergrund. Der Leitfaden darf daher etwas zielgerichteter und weniger offen formuliert sein, sollte aber trotzdem Raum für unerwartete, aber relevante Abschweifungen lassen.
Fragetypen und Formulierungstipps für den Leitfaden
Die Qualität eines Leitfadens hängt maßgeblich davon ab, wie die einzelnen Fragen formuliert sind. Grundsätzlich lassen sich mehrere Fragetypen unterscheiden, die im Leitfaden gezielt kombiniert werden sollten.
- Offene Fragen („Wie erleben Sie…?“) fördern ausführliche, persönliche Antworten.
- Geschlossene Fragen („Seit wann arbeiten Sie in diesem Bereich?“) liefern schnelle, faktische Informationen.
- Nachfragen („Können Sie das genauer erklären?“) vertiefen bereits gegebene Antworten.
- Hypothetische Fragen („Was würde sich ändern, wenn…?“) regen zum Nachdenken an und öffnen neue Perspektiven.
Bei der Formulierung gilt: Suggestivfragen, die eine bestimmte Antwort schon vorwegnehmen, sollten vermieden werden. Auch doppelte Fragen, bei denen zwei Aspekte in einem Satz stecken, verwirren häufig den Gesprächspartner. Kurze, klare Sätze funktionieren in fast allen Interviewsituationen besser als verschachtelte Konstruktionen.
Sinnvoll ist außerdem, im Leitfaden neben den Hauptfragen auch mögliche Anschlussfragen zu notieren, falls eine Antwort besonders knapp ausfällt. So bleibt man auch bei unerwartet kurzen Antworten handlungsfähig, ohne den Faden zu verlieren.
Typische Fehler beim Erstellen eines Interviewleitfadens
Auch erfahrene Interviewer machen beim Erstellen eines Leitfadens wiederkehrende Fehler, die sich mit etwas Aufmerksamkeit leicht vermeiden lassen.
- Zu viele Fragen: Ein überladener Leitfaden führt oft dazu, dass am Ende Zeit fehlt und wichtige Themen abgehakt statt vertieft werden.
- Zu starre Reihenfolge: Wer stur an der geplanten Abfolge festhält, verpasst oft spontane, besonders aufschlussreiche Antworten.
- Fehlende Themenpriorisierung: Ohne klare Rangfolge der wichtigsten Fragen geraten zentrale Punkte manchmal ans Ende und werden aus Zeitmangel gestrichen.
- Unklare Fragen: Zu abstrakte oder mehrdeutige Formulierungen führen zu ausweichenden oder verwirrten Antworten.
- Kein Testlauf: Wer den Leitfaden nicht vorab laut liest oder testet, merkt Formulierungsprobleme erst im echten Gespräch.
Ein bewährter Trick gegen die meisten dieser Fehler: Die wichtigsten drei bis fünf Fragen im Leitfaden farblich oder mit einem Symbol markieren. So ist auch bei Zeitdruck sofort erkennbar, welche Fragen unbedingt gestellt werden müssen.
Vom Leitfaden zum Gespräch: praktische Durchführung
Ein Leitfaden entfaltet seinen Nutzen erst richtig, wenn er im Gespräch flexibel eingesetzt wird. Es empfiehlt sich, den Leitfaden nicht Wort für Wort abzuarbeiten, sondern ihn eher als Gedächtnisstütze und Rückversicherung zu nutzen.
Für die Durchführung haben sich folgende Praxistipps bewährt:
- Den Leitfaden vor dem Gespräch mehrmals durchlesen, damit die Struktur im Kopf präsent ist, statt ständig abgelesen zu werden.
- Aktiv zuhören und auf unerwartete, interessante Aussagen eingehen, auch wenn sie vom geplanten Ablauf abweichen.
- Notizen zu spontanen Anschlussfragen während des Gesprächs machen, um sie an passender Stelle einzubauen.
- Am Ende kurz prüfen, ob alle zentralen Themenblöcke tatsächlich abgedeckt wurden.
Bei Aufnahme des Gesprächs – etwa für eine spätere Transkription in der qualitativen Forschung – sollte vorab die Einwilligung der Gesprächsperson eingeholt und über die Verwendung der Aufnahme informiert werden. Datenschutzrechtliche Fragen dazu sollten im Zweifel mit einer fachkundigen Stelle geklärt werden, etwa der Datenschutzbeauftragten der eigenen Institution.
Häufig gestellte Fragen zum Interviewleitfaden
Wie lang sollte ein Interviewleitfaden sein?
Ein Interviewleitfaden umfasst meist zwischen einer und drei Seiten mit fünf bis fünfzehn Hauptfragen, abhängig von der geplanten Gesprächsdauer. Wichtiger als die reine Länge ist, dass jede Frage einen klaren Zweck erfüllt und keine überflüssigen Fragen enthalten sind.
Was gehört zwingend in einen Leitfaden für ein Interview?
Ein vollständiger Leitfaden enthält mindestens eine Einstiegsfrage, mehrere thematische Kernfragen, mögliche Vertiefungsfragen und eine Abschlussfrage. Ergänzend sind organisatorische Hinweise wie geplante Dauer, Ort und gegebenenfalls Aufnahmehinweise sinnvoll.
Wie unterscheidet sich ein Leitfaden für qualitative Interviews von einem journalistischen Leitfaden?
Ein Leitfaden für qualitative Interviews zielt auf offene, erzählgenerierende Fragen zur Erhebung subjektiver Sichtweisen, während ein journalistischer Leitfaden oft pointierter und ergebnisorientierter formuliert ist. Beide folgen jedoch demselben Grundprinzip aus Einstieg, Themenblöcken und Abschluss.
Muss man sich beim Interview strikt an den Leitfaden halten?
Nein, ein Leitfaden ist eine Orientierungshilfe und kein starres Skript, das Wort für Wort abgearbeitet werden muss. Spontane, relevante Themen des Gesprächspartners dürfen und sollten aufgegriffen werden, solange die zentralen Fragen am Ende beantwortet sind.
Wie viele Fragen sollte ein Leitfaden für ein einstündiges Interview enthalten?
Für ein rund einstündiges Gespräch sind etwa acht bis zwölf Kernfragen mit jeweils möglichen Vertiefungsfragen üblich. Diese Zahl lässt genug Raum für ausführliche Antworten, ohne dass am Ende Zeitdruck entsteht.
Wie erstellt man einen Leitfaden für ein Experteninterview besonders zielgerichtet?
Für einen zielgerichteten Leitfaden bei einem Experteninterview sollte man sich vorab gründlich in das Fachthema einarbeiten und Fragen so formulieren, dass sie konkretes Fach- oder Erfahrungswissen abrufen statt allgemeiner Meinungen. Ergänzend hilft es, offene Formulierungen mit gezielten Nachfragen zu kombinieren, um bei Bedarf tiefer ins Detail zu gehen.
Fazit
Einen Leitfaden für ein Interview zu erstellen bedeutet, Struktur und Offenheit gleichzeitig zu ermöglichen: klare Themenblöcke und durchdachte Fragen auf der einen Seite, Flexibilität für spontane Wendungen auf der anderen. Ob journalistisches Gespräch, qualitative Forschungsarbeit oder Experteninterview – das Grundprinzip aus Vorbereitung, sinnvollem Aufbau und passender Fragetechnik bleibt überall gleich. Wer sich die Zeit nimmt, Ziel, Zielgruppe und Fragetypen sorgfältig zu durchdenken, führt am Ende ein Gespräch, das sowohl für die Befragten angenehm verläuft als auch inhaltlich das liefert, was am Anfang gebraucht wurde.