Leitfaden für Interview erstellen: So geht's
Ein Leitfaden für Interview erstellen gelingt Schritt für Schritt – hier erfährst du, wie Aufbau, Fragen und Struktur optimal gelingen.
Lukas Hoffmann Lesezeit: 7 Min.
Einen Leitfaden für Interview erstellen bedeutet, Themen, Fragen und die grobe Reihenfolge eines Gesprächs vorab schriftlich festzulegen, damit du während des Interviews den roten Faden nicht verlierst und trotzdem flexibel auf Antworten reagieren kannst. Ob du ein Experteninterview für einen Artikel führst oder ein Leitfadeninterview für eine wissenschaftliche Arbeit vorbereitest – das Grundprinzip bleibt gleich, nur die Details unterscheiden sich. Im Folgenden zeigen wir dir konkret, welche Bausteine hineingehören, wie du sie Schritt für Schritt zusammensetzt und worauf du je nach Interviewart besonders achten musst.
Die Grundstruktur: Was in jeden Interview-Leitfaden gehört
Bevor du dich an die Formulierung einzelner Fragen machst, brauchst du ein Gerüst. Ein durchdachter Leitfaden besteht fast immer aus denselben Grundbausteinen, unabhängig davon, ob es sich um ein journalistisches Gespräch oder eine Forschungsarbeit handelt.
- Einleitung: Begrüßung, kurze Vorstellung des Projekts oder Artikels, Erklärung des Ziels und – bei Bedarf – Hinweise zu Aufnahme, Anonymität oder Verwendung der Aussagen.
- Themenblöcke: Das Gespräch wird in inhaltliche Abschnitte gegliedert, etwa "beruflicher Werdegang", "aktuelle Herausforderungen", "Ausblick". Jeder Block bekommt eine oder mehrere Leitfragen.
- Leitfragen: Offen formulierte Hauptfragen, die den Gesprächspartner zum Erzählen bringen, statt nur mit Ja oder Nein beantwortet zu werden.
- Stichpunkte für Nachfragen: Kurze Notizen zu Aspekten, die du ansprechen willst, falls die interviewte Person sie nicht von selbst erwähnt.
- Abschlussfrage: Häufig eine offene Frage wie "Gibt es etwas, das wir noch nicht besprochen haben?", die Raum für Unerwartetes lässt.
- Dank und Ausklang: Ein kurzer Abschluss, der das Gespräch höflich beendet und gegebenenfalls das weitere Vorgehen erklärt.
Wichtig ist: Ein Leitfaden ist kein starres Skript, das Wort für Wort abgearbeitet wird, sondern eine Orientierungshilfe, die dir Sicherheit gibt und trotzdem Raum für spontane Nachfragen lässt.
Leitfaden erstellen: So gehst du Schritt für Schritt vor
Um einen Leitfaden für ein Interview zu erstellen, hilft ein systematisches Vorgehen. Die folgenden Schritte lassen sich auf fast jede Interviewsituation übertragen.
- Ziel klären: Was soll am Ende des Gesprächs feststehen? Eine konkrete Information, eine persönliche Geschichte oder eine fachliche Einschätzung? Das Ziel bestimmt, welche Fragen überhaupt sinnvoll sind.
- Gesprächspartner recherchieren: Je mehr du über die Person, ihren Werdegang oder ihr Fachgebiet weißt, desto gezielter kannst du fragen und desto weniger Zeit verschwendest du mit Fragen, die sich leicht anderswo beantworten lassen.
- Themen sammeln: Schreibe zunächst alle Aspekte auf, die zum Thema passen könnten – ungeordnet und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Diese Sammlung ist die Rohmasse für den späteren Leitfaden.
- Fragen formulieren: Verdichte die Themen zu konkreten, offen gestellten Fragen. Vermeide Suggestivfragen, die eine Antwort schon vorwegnehmen, und formuliere stattdessen W-Fragen wie "Wie", "Warum" oder "Was".
- Reihenfolge festlegen: Bewährt hat sich das sogenannte Trichterprinzip: Du startest mit einfachen, allgemeinen Fragen, näherst dich dann den zentralen, oft persönlicheren oder komplexeren Themen und schließt mit einer offenen, zusammenfassenden Frage ab.
- Leitfaden testen: Lies die Fragen laut vor oder probiere sie in einem kurzen Testgespräch aus. So merkst du, ob Formulierungen holprig klingen oder ob eine Frage tatsächlich zwei Fragen in einer ist.
- Flexibilität einplanen: Notiere dir, welche Fragen unbedingt gestellt werden müssen und welche bei Zeitmangel wegfallen können. Das erleichtert spontane Entscheidungen während des Gesprächs.
Wer diese Schritte einmal durchdacht hat, kann sie bei jedem neuen Gespräch wiederverwenden – nur die Inhalte ändern sich, der Prozess bleibt derselbe.
Experteninterview-Leitfaden erstellen: Was ist anders?
Beim Experteninterview steht nicht die Person selbst im Mittelpunkt, sondern ihr Fachwissen zu einem bestimmten Thema. Das verändert einige Punkte gegenüber einem persönlichen Porträtinterview deutlich.
Wer einen Leitfaden für ein Experteninterview erstellen möchte, sollte sich zunächst intensiv in das Fachgebiet einlesen. Nur wer die Grundbegriffe kennt, kann Anschlussfragen stellen und erkennt, wenn eine Antwort ausweichend oder unvollständig ist. Fachbegriffe, die im Gespräch fallen könnten, sollte man vorab klären, um sie im Interview nicht erst erklärt bekommen zu müssen und wertvolle Zeit zu verlieren.
- Fragen nach Einschätzung statt Meinung: Statt "Wie finden Sie das?" eignen sich Fragen wie "Wie schätzen Sie die Entwicklung in den nächsten Jahren ein?" oder "Welche Faktoren sind aus Ihrer fachlichen Sicht entscheidend?".
- Kürzere, fokussierte Struktur: Expertinnen und Experten haben oft nur wenig Zeit. Ein Leitfaden mit fünf bis acht klar formulierten Kernfragen ist meist wirkungsvoller als eine lange Liste, die im Gespräch nicht abgearbeitet werden kann.
- Kontext liefern: Da Fachleute häufig direkt ins Thema einsteigen wollen, kann die Einleitung im Leitfaden kürzer ausfallen als bei persönlichen Interviews.
- Vorab-Information: Es ist üblich, Expertinnen und Experten die Grobthemen – nicht zwingend den vollständigen Fragenkatalog – vorab mitzuteilen, damit sie sich inhaltlich vorbereiten können.
Der Leitfaden dient hier also weniger dazu, ein Gespräch aufzulockern, sondern vor allem dazu, in begrenzter Zeit möglichst präzise und verwertbare fachliche Aussagen zu bekommen.
Leitfaden für ein qualitatives Interview erstellen
In der Sozialforschung hat der Begriff "Leitfadeninterview" eine eigene, methodisch festgelegte Bedeutung. Es handelt sich um eine teilstrukturierte Interviewform, bei der ein Leitfaden zwar die Themenbereiche vorgibt, die genaue Formulierung und Reihenfolge der Fragen im Gespräch aber flexibel bleibt.
Wer für ein qualitatives Interview einen Leitfaden erstellen will, orientiert sich in der Regel an der zugrunde liegenden Forschungsfrage. Aus dieser werden zunächst thematische Kategorien abgeleitet, die inhaltlich abgedeckt werden sollen. Erst danach entstehen daraus konkrete Erzählaufforderungen und Nachfragen.
- Prinzip der Offenheit: Die Hauptfragen sind bewusst weit gefasst, etwa "Erzählen Sie mir, wie Sie diese Situation erlebt haben", damit die befragte Person frei erzählen kann, statt in ein enges Antwortschema gepresst zu werden.
- Kategorien statt starrer Fragenliste: Statt jede Frage wortgleich vorzugeben, notiert man häufig nur Stichworte zu Aspekten, die im Laufe des Gesprächs angesprochen werden sollen.
- Ad-hoc-Nachfragen: Ein zentrales Merkmal qualitativer Leitfäden ist, dass spontane Nachfragen ausdrücklich erlaubt und erwünscht sind, um interessante Aussagen zu vertiefen.
- Pretest: Bevor der Leitfaden für die eigentliche Erhebung genutzt wird, wird er meist an einer oder wenigen Testpersonen erprobt, um unverständliche oder unpassende Fragen zu erkennen.
Ein wichtiger Unterschied zu journalistischen Leitfäden liegt darin, dass der Leitfaden hier später auch bei der Auswertung eine Rolle spielt: Die Themenkategorien aus dem Leitfaden bilden oft die Grundlage für die spätere Kategorienbildung bei der Analyse der Interviewtranskripte. Der Leitfaden ist also nicht nur Gesprächshilfe, sondern auch methodisches Werkzeug für die gesamte Untersuchung.
Typische Fehler vermeiden und Fragen besser formulieren
Auch mit gutem Aufbau kann ein Leitfaden im Gespräch scheitern, wenn einzelne Fragen ungünstig formuliert sind oder der Leitfaden zu unflexibel genutzt wird. Die folgenden Punkte tauchen in der Praxis besonders häufig auf.
- Zu viele geschlossene Fragen: Fragen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden können, bringen wenig Substanz. Offene Formulierungen mit "Wie", "Warum" oder "Was" führen meist zu ausführlicheren Antworten.
- Suggestivfragen: Fragen wie "Sie sind doch sicher auch der Meinung, dass..." legen der befragten Person eine Antwort in den Mund und verzerren das Ergebnis. Neutrale Formulierungen liefern verlässlichere Aussagen.
- Doppelfragen: Zwei Fragen in einem Satz – etwa "Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen und was würden Sie jüngeren Menschen raten?" – verwirren oft und führen dazu, dass nur ein Teil beantwortet wird. Besser: eine Frage nach der anderen stellen.
- Zu starres Abarbeiten: Wer den Leitfaden wie ein Formular Punkt für Punkt durchgeht, verpasst oft die interessantesten Momente des Gesprächs. Ein guter Leitfaden lässt Raum, spontan von der Reihenfolge abzuweichen.
- Fehlender Zeitpuffer: Wer zu viele Fragen einplant, gerät unter Zeitdruck und muss am Ende hastig durch die wichtigsten Themen. Es lohnt sich, von Anfang an priorisierte Fragen zu markieren.
Ein einfacher Praxistipp: Formuliere pro Themenblock eine zentrale Leitfrage und ergänze zwei bis drei mögliche Nachfragen als Stichpunkte. So bleibt der Leitfaden übersichtlich, und du hast trotzdem genug Material, um bei knappen Antworten nachzuhaken.
Fazit
Ein Leitfaden für ein Interview zu erstellen läuft in seinem Kern immer nach demselben Muster ab: Ziel festlegen, Themen sammeln, offene Fragen formulieren und diese sinnvoll ordnen. Je nachdem, ob es sich um ein Experteninterview, ein persönliches Gespräch oder ein Leitfadeninterview im Rahmen qualitativer Forschung handelt, verschieben sich lediglich Schwerpunkte wie Fachtiefe, Gesprächsdauer oder methodische Anforderungen. Wer den Leitfaden als flexible Orientierung statt als starres Skript versteht, führt am Ende ein Gespräch, das sowohl strukturiert als auch lebendig bleibt.
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