Leitfaden Interview erstellen: Praktische Anleitung
Erfahren Sie, wie Sie Schritt für Schritt einen Leitfaden fürs Interview erstellen – mit Tipps zu Fragen, Aufbau und Experteninterviews.
Sabine Weidner Lesezeit: 5 Min.
Wer einen Leitfaden fürs Interview erstellen möchte, braucht vor allem ein klares Ziel, eine sinnvolle Fragenreihenfolge und genug Freiraum für spontane Nachfragen. Ein solcher Leitfaden ist eine schriftliche Vorbereitung, die Themenblöcke und Kernfragen festhält, ohne das Gespräch wie ein starres Formular abzuarbeiten. Dieser Beitrag zeigt konkret, wie ein Leitfaden erstellt wird – von der ersten Themenfindung bis zur fertigen Fragenliste, mit besonderem Blick auf Experteninterviews und qualitative Befragungen.
Schritt für Schritt: So entsteht der eigene Interviewleitfaden
Ein Leitfaden für ein Interview zu erstellen gelingt am besten, wenn man sich an eine feste Abfolge von Arbeitsschritten hält. Chaotisches Sammeln von Fragen führt fast immer zu Lücken oder Wiederholungen im Gespräch.
- Ziel und Erkenntnisinteresse festlegen: Was soll am Ende des Gesprächs bekannt sein, das vorher nicht bekannt war? Ein klares Ziel entscheidet später, welche Fragen wichtig sind und welche gestrichen werden können.
- Thema recherchieren: Hintergrundwissen zur Person, zum Unternehmen oder zum Sachverhalt verhindert, dass Selbstverständliches erfragt wird und schafft Raum für wirklich interessante Fragen.
- Fragenpool sammeln: In dieser Phase werden zunächst alle denkbaren Fragen notiert – ohne Reihenfolge, ohne Bewertung. Später lässt sich aus diesem Pool eine sinnvolle Auswahl treffen.
- Fragen bündeln und ordnen: Ähnliche Fragen werden zu Themenblöcken zusammengefasst. Innerhalb jedes Blocks bewegt man sich von allgemeinen zu spezifischeren Fragen.
- Reihenfolge der Blöcke festlegen: Ein Einstieg mit einer leichten, offenen Frage baut Vertrauen auf; heikle oder komplexe Themen wandern in die Mitte, ein versöhnlicher Abschluss rundet das Gespräch ab.
- Testlauf machen: Der Leitfaden wird laut vorgelesen oder an einer Testperson ausprobiert. So fällt auf, welche Formulierungen holprig klingen oder welche Fragen sich überschneiden.
Wichtig ist, den Leitfaden am Ende nicht länger als nötig zu machen. Zehn bis fünfzehn gut durchdachte Fragen sind meist ergiebiger als dreißig, die im Gespräch ohnehin nicht alle gestellt werden.
Fragen richtig formulieren: offen, klar, neutral
Die beste Struktur nützt wenig, wenn die einzelnen Fragen schlecht formuliert sind. Beim Leitfaden erstellen für ein Interview entscheidet die Formulierung darüber, ob eine Antwort ein Satz oder eine ganze Erzählung wird.
- Offene statt geschlossene Fragen: „Wie haben Sie diese Entscheidung getroffen?“ liefert mehr Substanz als „Haben Sie diese Entscheidung schnell getroffen?“, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.
- Eine Frage pro Satz: Doppelfragen wie „Wie kam es dazu, und war das schwierig?“ verwirren, weil die interviewte Person meist nur einen Teil beantwortet. Besser: zwei getrennte Fragen im Leitfaden vorsehen.
- Neutrale Formulierung: Suggestivfragen wie „Sie finden das doch auch problematisch, oder?“ drängen die Antwort in eine Richtung. Eine neutrale Variante lautet: „Wie bewerten Sie diese Entwicklung?“
- Konkrete statt abstrakte Fragen: „Was war der schwierigste Moment im Projekt?“ liefert greifbarere Antworten als „Wie war das Projekt insgesamt?“
- Verständliche Sprache: Fachbegriffe, die im Gespräch selbst geklärt werden sollen, gehören nicht ungefiltert in die Frageformulierung.
Es hilft, zu jeder Hauptfrage im Leitfaden ein bis zwei mögliche Nachfragen zu notieren, etwa „Können Sie ein Beispiel nennen?“ oder „Was würden Sie heute anders machen?“. So entsteht kein Bruch im Gespräch, wenn eine Antwort knapp ausfällt.
Leitfaden für ein Experteninterview erstellen: die Besonderheiten
Beim Erstellen eines Leitfadens für ein Experteninterview steht nicht die Person selbst im Mittelpunkt, sondern ihr Fachwissen zu einem bestimmten Thema. Das verändert die Herangehensweise an mehreren Stellen deutlich.
- Fachliche Recherche vorab: Ohne Grundverständnis des Fachgebiets lassen sich weder sinnvolle Fragen stellen noch Antworten richtig einordnen. Ein Blick in Fachartikel oder frühere Aussagen der Expertin oder des Experten spart Zeit im Gespräch.
- Rolle statt Biografie: Persönliche Fragen treten in den Hintergrund; im Zentrum steht die fachliche Einschätzung, etwa zu Ursachen, Folgen oder Lösungsansätzen eines Problems.
- Einstiegsfrage zur Einordnung: Eine gute erste Frage lässt die Fachperson das Thema aus ihrer Perspektive knapp umreißen, etwa: „Wie würden Sie die aktuelle Lage in wenigen Sätzen beschreiben?“ Das gibt dem Gespräch einen gemeinsamen Ausgangspunkt.
- Kontroverse Punkte gezielt ansprechen: Wenn es zu einem Thema unterschiedliche Fachmeinungen gibt, gehört eine Frage dazu, die diese Uneinigkeit direkt aufgreift, etwa: „Manche Fachleute sehen das anders – wie erklären Sie sich das?“
- Zeitrahmen einplanen: Expertinnen und Experten haben oft ein knappes Zeitfenster. Der Leitfaden sollte daher priorisierte Fragen enthalten, die auch bei einem verkürzten Gespräch die wichtigsten Informationen liefern.
Sinnvoll ist außerdem, am Ende des Leitfadens eine Frage nach weiteren Aspekten einzuplanen, die im Gespräch noch nicht angesprochen wurden – etwa: „Gibt es einen Punkt, den wir bisher nicht besprochen haben, der Ihnen wichtig ist?“ Genau an dieser Stelle entstehen häufig die aufschlussreichsten Antworten, weil die Fachperson selbst entscheidet, was noch fehlt.
Leitfaden für ein qualitatives Interview erstellen: Struktur mit Freiraum
Ein qualitatives Interview verfolgt ein anderes Ziel als ein klassisches journalistisches Gespräch: Es soll möglichst viele individuelle Sichtweisen, Erfahrungen oder Deutungen zu einem Thema sichtbar machen, oft im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung oder einer größeren Recherche. Der Leitfaden dient hier weniger als starres Frageskript, sondern als Orientierungsrahmen.
- Halbstrukturierter Aufbau: Statt jede Frage wortwörtlich vorzugeben, werden Themenkomplexe mit Beispielformulierungen notiert. Die interviewende Person kann Reihenfolge und genauen Wortlaut je nach Gesprächsverlauf anpassen.
- Trichterprinzip: Jeder Themenblock beginnt mit einer weiten, erzählgenerierenden Frage („Erzählen Sie mir, wie das damals abgelaufen ist“) und wird erst danach mit gezielten Nachfragen vertieft.
- Erzählanreize statt Ja-Nein-Fragen: Formulierungen wie „Beschreiben Sie eine Situation, in der …“ erzeugen ausführlichere, persönlichere Antworten als direkte Sachfragen.
- Freiraum für Abweichungen: Wenn eine befragte Person spontan ein Thema anspricht, das im Leitfaden nicht vorgesehen war, aber zur Fragestellung passt, darf davon abgewichen werden. Der Leitfaden ist ein Werkzeug, kein Skript, das zwingend in Reihenfolge abgearbeitet werden muss.
- Vergleichbarkeit sichern: Werden mehrere Personen zum gleichen Thema befragt, sollten dieselben Themenblöcke bei allen Gesprächen vorkommen, damit die Antworten später sinnvoll miteinander verglichen werden können.
Ein hilfreiches Format für qualitative Leitfäden ist eine Tabelle mit Themenblock, Leitfrage und möglichen Nachfragen. So bleibt der Überblick auch während eines längeren Gesprächs erhalten, ohne dass ständig im Text gesucht werden muss.
| Themenblock | Leitfrage | Mögliche Nachfrage |
|---|---|---|
| Einstieg | Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen? | Was hat sich seitdem verändert? |
| Erfahrung | Beschreiben Sie eine typische Situation. | Was war daran besonders herausfordernd? |
| Bewertung | Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung ein? | Woran machen Sie das konkret fest? |
Fazit: Der passende Leitfaden entsteht durch Anpassung, nicht durch Kopieren
Ein Leitfaden fürs Interview erstellen bedeutet in erster Linie, Struktur und Offenheit in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen. Feste Schritte – Zielklärung, Recherche, Fragensammlung, Ordnung, Testlauf – sorgen für ein solides Gerüst, während offene, neutrale Formulierungen echte Antworten statt einsilbiger Reaktionen hervorbringen. Beim Experteninterview verschiebt sich der Fokus auf fachliche Tiefe und Zeitmanagement, beim qualitativen Interview auf Erzählanreize und Vergleichbarkeit zwischen mehreren Gesprächen. Wer diese Unterschiede kennt und den eigenen Leitfaden entsprechend zuschneidet, geht mit einem Werkzeug ins Gespräch, das Orientierung gibt, ohne den natürlichen Gesprächsfluss zu ersticken.