Experteninterview Leitfaden erstellen: Methoden
Einen Experteninterview-Leitfaden erstellen gelingt mit klarer Methode: So baust du Fragen, Trichter-Struktur und Nachfragen sinnvoll auf.
Jonas Brandt Lesezeit: 4 Min.
Wer einen Experteninterview-Leitfaden erstellen möchte, braucht vor allem eine klare Methode statt einer bloßen Fragenliste: Zuerst wird das Erkenntnisinteresse in Themenblöcke zerlegt, dann werden diese nach einem Trichterprinzip von offenen zu spezifischen Fragen sortiert und schließlich in einem Pretest überprüft. Diese Vorgehensweise sorgt dafür, dass das Gespräch inhaltlich fokussiert bleibt, ohne die befragte Fachperson in ein starres Frage-Antwort-Schema zu zwingen. Im Folgenden werden die wichtigsten Methoden vorgestellt, mit denen sich ein Leitfaden für ein Interview strukturiert und praxistauglich aufbauen lässt.
Die SPSS-Methode als Grundlage
Eine der bekanntesten Methoden, um einen Leitfaden für ein qualitatives Interview zu erstellen, ist das sogenannte SPSS-Verfahren. Die vier Buchstaben stehen für vier Arbeitsschritte, die aufeinander aufbauen und den Übergang von losen Ideen zu einem stimmigen Fragenkatalog strukturieren.
- Sammeln: Alle denkbaren Fragen zum Thema werden zunächst ungeordnet notiert, ohne Rücksicht auf Reihenfolge oder Redundanz.
- Prüfen: Jede Frage wird daraufhin bewertet, ob sie wirklich zum Erkenntnisinteresse beiträgt oder eher der eigenen Neugier dient.
- Sortieren: Die verbleibenden Fragen werden thematischen Blöcken zugeordnet, die später die Kapitel des Gesprächs bilden.
- Subsumieren: Ähnliche Einzelfragen werden zu wenigen, offen formulierten Leitfragen zusammengefasst, unter die sich mögliche Nachfragen einordnen lassen.
Dieser vierstufige Prozess verhindert, dass am Ende ein überladener Fragebogen entsteht. Stattdessen bleibt ein schlanker Leitfaden mit wenigen zentralen Leitfragen und optionalen Vertiefungen übrig, der im Gespräch flexibel eingesetzt werden kann.
Das Trichterprinzip als Aufbaulogik
Beim Leitfaden erstellen für ein Interview hat sich außerdem das Trichterprinzip als bewährte Methode etabliert. Jeder Themenblock beginnt mit einer breiten, offenen Frage, die der Fachperson Raum gibt, das Thema aus ihrer eigenen Perspektive zu entfalten. Erst danach folgen enger gefasste Fragen, die auf konkrete Aspekte, Zahlen oder Beispiele abzielen.
Diese Reihenfolge hat einen methodischen Grund: Offene Einstiegsfragen liefern oft unerwartete Informationen, die mit einer zu eng gestellten Frage gar nicht erst zur Sprache kämen. Die spätere Verengung sorgt dann dafür, dass auch die Punkte abgedeckt werden, die für die eigene Fragestellung unverzichtbar sind, selbst wenn die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner sie von sich aus nicht erwähnt hätte.
In der Praxis bedeutet das: Innerhalb eines Themenblocks steht zuerst eine Frage wie „Wie hat sich dieser Bereich in den letzten Jahren aus Ihrer Sicht verändert?“, gefolgt von präziseren Fragen zu einzelnen Entwicklungen, Ursachen oder Beispielen. Am Ende jedes Blocks kann eine kurze Zusammenfassung oder Übergangsfrage helfen, thematisch weiterzuleiten, ohne den Gesprächsfluss abrupt zu unterbrechen.
Welche Fragetypen gehören in den Leitfaden?
Ein methodisch durchdachter Leitfaden unterscheidet nicht nur nach Themen, sondern auch nach Fragetypen, die jeweils eine eigene Funktion erfüllen.
- Erzählgenerierende Fragen: regen dazu an, frei zu berichten, etwa „Erzählen Sie doch einmal, wie dieses Projekt entstanden ist.“
- Faktenfragen: zielen auf konkrete, überprüfbare Informationen wie Zahlen, Daten oder Abläufe.
- Nachfragen (Probes): sind nicht wörtlich vorformuliert, sondern werden situativ eingesetzt, wenn eine Antwort vertieft werden soll, etwa „Können Sie das an einem Beispiel zeigen?“
- Konfrontationsfragen: spiegeln Widersprüche oder unterschiedliche Positionen und sollten sparsam und respektvoll eingesetzt werden.
Für die Methodik der Leitfadenerstellung ist entscheidend, dass nicht jede Frage wortgetreu vorbereitet werden muss. Nachfragen etwa werden im Leitfaden meist nur als Stichwort oder Erinnerungshilfe notiert, damit im Gespräch spontan darauf zurückgegriffen werden kann, ohne den Text ablesen zu müssen.
Den Leitfaden im Pretest überprüfen
Ein Leitfaden, der nur am Schreibtisch entstanden ist, zeigt seine Schwächen oft erst im echten Gespräch. Deshalb gehört zur Methode auch ein Pretest: Der Leitfaden wird an einer Person erprobt, die nicht zur eigentlichen Zielgruppe der Befragung gehört, etwa an einer Kollegin oder einem Kollegen.
Im Pretest lässt sich erkennen, ob Fragen doppeldeutig formuliert sind, ob die Reihenfolge logisch wirkt und ob einzelne Fragen zu lang oder zu abstrakt geraten sind. Auch die ungefähre Gesprächsdauer lässt sich so realistisch einschätzen, was besonders wichtig ist, wenn das Interview mit vielbeschäftigten Fachpersonen zeitlich eng geplant werden muss.
Nach dem Testlauf werden Fragen gestrichen, zusammengefasst oder umformuliert. Diese Überarbeitung ist kein optionaler Zusatzschritt, sondern fester Bestandteil der Methode: Ein Leitfaden gilt erst dann als einsatzbereit, wenn er mindestens einmal auf Verständlichkeit und Praxistauglichkeit geprüft wurde.
Typische Methodenfehler vermeiden
Beim Leitfaden erstellen für qualitative Interviews schleichen sich einige wiederkehrende Fehler ein, die die Methode unterlaufen, selbst wenn die einzelnen Schritte grundsätzlich befolgt wurden.
- Zu viele Detailfragen pro Themenblock, wodurch der Trichter faktisch umgekehrt wird und offene Fragen kaum noch Raum bekommen.
- Suggestivfragen, die eine gewünschte Antwort bereits vorwegnehmen, statt die Perspektive der Fachperson offen abzufragen.
- Ein Leitfaden ohne jede Flexibilität, der im Gespräch stur abgearbeitet wird, anstatt als Orientierung zu dienen.
- Fehlender Pretest, wodurch sprachliche oder inhaltliche Schwächen erst während des eigentlichen Interviews auffallen.
Wer diese Punkte im Blick behält, erhält einen Leitfaden, der methodisch fundiert ist, aber im Gespräch trotzdem natürlich wirkt.
Fazit
Einen belastbaren Experteninterview-Leitfaden zu erstellen bedeutet, eine Methode konsequent durchzuhalten: Fragen sammeln und prüfen, nach dem Trichterprinzip anordnen, passende Fragetypen wählen und den Leitfaden vor dem eigentlichen Gespräch testen. Wer diese Schritte nacheinander abarbeitet, vermeidet sowohl einen überladenen Fragenkatalog als auch ein zu lose geführtes Gespräch.